Customer Experience 
neu denken: von der Inszenierung 
zur Systemlogik

Autor: Jan Kempelmann, Market Offering Lead

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7.5.2026

Customer Experience (CX) steht vor einer fundamentalen Verschiebung. Entscheidungen entstehen immer seltener entlang bewusst gestalteter Journeys. Sie fallen in Systemen, Algorithmen und Entscheidungslogiken, oft, bevor ein Mensch eine Oberfläche sieht. Wer CX weiterhin rein über Touchpoints denkt, optimiert an der falschen Stelle. Was bedeutet das konkret – kurzfristig sowie mittelfristig in den nächsten zwei bis zehn Jahren?

Der Bruch: Vom Journey-Denken zur Entscheidungslogik

CX erlebt einen strukturellen Bruch. Klassische Modelle – Touchpoints, Funnels, Journeys – basieren auf der Annahme, dass Nutzer*innen sich entlang vorgezeichneter Wege bewegen und Entscheidungen Schritt für Schritt treffen. Diese Logik verliert aber rapide an Relevanz.

Der Grund: Entscheidungen entstehen zunehmend vorgelagert – in Systemen, Algorithmen und ersten Formen autonomer Agenten. Die sichtbare Journey ist immer öfter nur noch die Ausführung einer Entscheidung, nicht ihr Ursprung.

In den nächsten ein, zwei Jahren werden Unternehmen weiter massiv in bestehende CX-Modelle investieren: Websites, Personalisierung, Journey Mapping. Gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass diese Maßnahmen an Wirkung verlieren, weil Entscheidungen bereits außerhalb dieser Strukturen getroffen werden.

Mittelfristig wird Journey-Denken weitgehend obsolet sein. Entscheidungen entstehen in den nächsten fünf bis zehn Jahren primär in systemischen Kontexten – oft ohne direkte Interaktion mit klassischen Interfaces. CX verschiebt sich von der Gestaltung von Interaktionen zur Gestaltung von Entscheidungsräumen.

Die neue Realität: Interfaces verlieren, Systeme gewinnen

Die zentralen CX-Domänen verändern sich grundlegend:

  • Websites
    werden zu strukturierten Quellen verlässlicher Informationen
  • E‑Commerce
    wird zur transaktionalen Infrastruktur: Der Shop ist nicht mehr der Ort der Entscheidung, sondern der technischen Abwicklung
  • Customer Service
    wird durch Entscheidungslogiken automatisiert. Beispiele aus Asien wie jd.com zeigen, dass bereits heute bis zu 90 % der Anfragen agentenbasiert bearbeitet werden
  • Marketing
    verliert zunehmend die Fähigkeit, Entscheidungen entlang geplanter Journeys zu steuern

Interfaces bleiben zwar relevant, verlieren jedoch an Einfluss. Unternehmen optimieren weiter Frontends, während parallel AI‑gestützte Services Entscheidungen vorbereiten oder vorwegnehmen.

In fünf bis zehn Jahren sind Interfaces daher nur noch eine von vielen Ausgabeschichten. Ein Großteil der Entscheidungen wird durch KI-Agenten getroffen oder stark vorgefiltert. Der Wettbewerb verlagert sich vollständig hinter die Oberfläche – in Datenqualität, Integrationsfähigkeit und Systemlogik.

Ein wichtiger Punkt: Brand Building verschwindet nicht. Aber es bleibt auch nicht, wie es heute ist. Marken wirken künftig weniger über kreative Erzählungen, sondern über strukturelle Konsistenz, Verlässlichkeit und glaubwürdige Erfahrungsberichte. Eine starke Marke wird zur Absicherung bei Unsicherheit, nicht zum Storytelling-Instrument entlang der Journey.

Diese neue Realität manifestiert sich im B2C- und im B2C-Umfeld jedoch sehr unterschiedlich:

  • Im B2C
    verlagern sich Entscheidungen stark nach vorne. Nutzer*innen folgen Empfehlungen, Defaults und Systemlogiken. Journeys werden verkürzt, übersprungen oder vollständig abstrahiert.
  • Im B2B
    bleibt die sichtbare Journey zunächst bestehen (Vertrieb, Angebote, persönliche Interaktion). Die eigentliche Entscheidungslogik wandert jedoch in den Unterbau: Systeme prüfen Spezifikationen, Preise, Verfügbarkeit, Compliance und Integrationsfähigkeit oft vor oder parallel zur menschlichen Interaktion.
„Hört auf, Journeys zu optimieren – die Entscheidungen fallen längst vorab.“
Jan Kempelmann
Market Offering Lead, IBM iX

Der eigentliche Hebel: Daten, Regeln und Governance

Wenn Entscheidungen in Systeme wandern, verschiebt sich der Fokus auf den strukturellen Unterbau:

  • Datenmodelle werden zum zentralen Differenzierungsfaktor
  • Entscheidungslogiken (Regeln, Zustände, Schwellenwerte) bestimmen Qualität
  • Content wird zu einem semantischen, maschinenlesbaren Asset
  • Design Systeme definieren Regeln – nicht nur Oberflächen

Was aus Disziplinen wie SEO mit Hebeln wie sauberen Metadaten, klaren Seitenstrukturen etc., bekannt ist, wird zum Grundprinzip: Struktur entscheidet nicht mehr nur über Sichtbarkeit, sondern darüber, ob ein Angebot überhaupt Teil der Entscheidung wird.

In den nächsten Monaten und Jahren werden Unternehmen beginnen, ihre Daten- und Content-Strukturen zu überarbeiten. Erste Governance-Modelle entstehen, bleiben jedoch fragmentiert. Der Fokus liegt häufig auf Tools statt auf zugrundeliegenden Modellen.

Was wir mittel- bis langfristig innerhalb der nächsten zehn Jahre sehen werden, ist, dass Daten‑, Content‑ und Entscheidungsmodelle hoch formalisiert und standardisiert sind.

Beispiel Automobilbranche:

Ein Vergleich zweier Elektrofahrzeuge zeigt das Problem deutlich: Reichweite, Ladeleistung oder Software‑Features sind oft unterschiedlich definiert und beschrieben.

– Reichweite (WLTP vs. realistisch)
– Ladeleistung (Peak vs. Durchschnitt)
– Software‑Features sind semantisch unterschiedlich beschrieben

Menschen können diese Unterschiede interpretieren. KI-Agenten können es kaum. Standardisierte Datenmodelle machen systemische Vergleiche erst möglich:

– range_wltp_km = 520

– range_real_km = 430

– charging_time_10_80_min = 28

Fehlen solche Strukturen, werden Angebote in systemischen Entscheidungsprozessen von KI nicht berücksichtigt. Unabhängig von Marke oder Inszenierung.

Die Konsequenz: CX wird zur Architekturdisziplin

Customer Experience entwickelt sich von einer Orchestrierungsaufgabe zu einer Architekturfrage. Entscheidend ist nicht mehr die Qualität einzelner Interaktionen, sondern die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems.

Beispiel Telekommunikation:

Ein Telekommunikationsanbieter optimiert heute sequenziell Website, Tarifseiten, Conversion-Funnel und Callcenter-Prozesse. Künftig muss derselbe Anbieter sicherstellen, dass externe Systeme und Agenten Verfügbarkeiten in Echtzeit auslesen, Preise vergleichen und Tarife korrekt interpretieren können. Der Erfolg hängt nicht mehr von der Performance einzelner Touchpoints ab, sondern von der Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems. Das zielt insbesondere darauf ab, dass Informationen maschinenlesbar sind. „Super Allnet-Flat mit viel Datenvolumen für nur 29,99 € im Monat!“ wäre ein Negativbeispiel, da ein Agent das Argument „viel Datenvolumen“ nicht quantifizieren kann und auch keine Aussage zur Preisgarantie (z.B. nur im ersten Vertragsjahr“) getroffen wird. Die mindestens genauso wichtige Facette in Punkto Leistungsfähigkeit eines Gesamtsystems ist die API-Verfügbarkeit, entweder über eine direkte API zwischen Marke und LLM-Applikation (z.B. ChatGPT) oder Aggregatoren, z.B. wenn Plattformen wie Vergleichsportale Anbieterinformationen bündeln. Eine Notlösung wäre Scraping, sprich Systeme / Agenten lesen Daten direkt von der Website aus. Dies ist jedoch nicht empfehlenswert, da die Methode recht fehleranfällig und oft ungenau ist.

In den nächsten ein, zwei Jahren wird CX daher stärker mit Data, IT und Governance verzahnt. Erste Rollen verschieben sich, klassische Silos und kampagnengetriebenes Denken dominieren jedoch weiterhin.

Mittel- bis langfristig ist CX vollständig in Systemarchitekturen integriert. Die Grenzen zwischen Marketing, Produkt, IT und Service lösen sich weitgehend auf. Erfolgreich sind Unternehmen mit konsistenten, anschlussfähigen Systemen – nicht mit isolierter Exzellenz.

Dieser Wandel ist kein reiner Technologie-Shift, sondern ein massiver Organisations- und Governance-Shift. Gemeinsame Verantwortung für Daten und Systeme wird zur Voraussetzung.

Fazit

Customer Experience verschwindet nicht – sie verändert ihren Ort.

Aktuell erleben wir eine Übergangsphase: Unternehmen optimieren weiterhin Erlebnisse, während sich parallel neue, systembasierte Entscheidungslogiken etablieren. Der Effekt ist oft ein Spannungsfeld zwischen alter und neuer Welt.

In der Zukunft wird CX jedoch primär durch Systeme definiert, nicht durch Interfaces. Entscheidungen entstehen in vernetzten Ökosystemen aus Daten, Regeln und KI-Agenten. Sichtbare Interaktionen sind nur noch ein Ergebnis dieser Logik – nicht ihr Ursprung.

Beispiel: Retail in China

In Europa folgen Kaufentscheidungen meist noch einer klassischen Journey: Recherche, Vergleich, bewusste Entscheidung. Plattformen wie Amazon beschleunigen den Prozess, verändern aber die Logik nur graduell. Für Nutzer*innen bleibt es nachvollziehbar und aktiv steuerbar. In China hingegen entstehen Entscheidungen in Kontexten wie WeChat oder Alipay aus Empfehlungen, sozialen Signalen und Systemvorschlägen heraus. Nutzer*innen erleben keine Journey mehr – sondern ein vorstrukturiertes Ergebnis.

Europa wird den Wandel langsamer vollziehen, geprägt von bestehenden Organisations- und Denkmodellen. China dient bereits heute als Indikator für die Geschwindigkeit dieses Umbruchs. Aber auch in unserem Markt werden sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren fundamentale Verschiebungen zeigen, die ein Umdenken von der Journey-Inszenierung zur Systemlogik erfordern.

Über den Autor

Jan Kempelmann ist Managing Partner und Market Offering Lead bei IBM iX in der DACH-Region. Er verantwortet die Entwicklung und Umsetzung digitaler Strategien mit Fokus auf Customer Experience, Daten sowie KI und unterstützt Unternehmen dabei, nachhaltiges Wachstum zu realisieren. Zuvor hatte er Führungspositionen u.a. in den Bereichen Marketing-Technologie und Data-Driven Marketing bei Omnicom Media Group und Deloitte Digital inne.

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