KI-gestützte ePA: Gesundheit besser verstehen

Autorin: Nilüfer Caliskan-Keserci

|

30.10.2026

Die Telematikinfrastruktur verbindet die Akteure im Gesundheitswesen. Ein zentraler Baustein ist die elektronische Patientenakte (ePA): Sie bündelt Befunde, Entlassungsbriefe und Medikationsdaten und macht sie für die weitere Behandlung verfügbar. IBM entwickelt und betreibt die technische ePA-Lösung für zahlreiche gesetzliche Krankenkassen sowie private Krankenversicherungen und arbeitet gemeinsam mit ihnen an ihrer Weiterentwicklung. Lesen Sie, wie Versicherte im nächsten Schritt auf dieser Grundlage im Versorgungsalltag besser begleitet werden können.

Folgendes Szenario nach einem Krankenhausaufenthalt: Der Entlassungsbrief liegt in der ePA. Er enthält Befunde, Angaben zur Behandlung und die Empfehlung, in drei Wochen eine orthopädische Praxis zur Nachsorge aufzusuchen. Zu Hause stellen sich Fragen:

  • Was bedeuten die medizinischen Begriffe?
  • Worauf muss ich jetzt achten?
  • Wo bekomme ich den empfohlenen Termin?

IBM zeigt, wie KI und angebundene Services hier zusammenspielen können: Sie bereiten den Entlassungsbrief verständlich auf, erleichtern die Suche nach einem passenden Termin und unterstützen die Vorbereitung des nächsten Arztgesprächs. So werden die Informationen aus der ePA für konkrete Fragen im Alltag nutzbar, auch zwischen den Behandlungsterminen.

Verstehen, was im Entlassungsbrief steht

Ein Entlassungsbrief enthält wichtige Informationen für die weitere Behandlung. Die Prämisse: Seine Sprache richtet sich hauptsächlich an medizinisches Fachpersonal. Für Versicherte ist deshalb oft schwer zu erkennen, welche Aussagen für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt besonders relevant sind. Eine KI-gestützte Zusammenfassung macht hier nun den Inhalt leichter zugänglich. Sie erklärt:

  • Welche Behandlung stattgefunden hat
  • Welche Diagnosen und Befunde dokumentiert sind
  • Was für die Zeit nach der Entlassung empfohlen wird

Auch die Übertragung in andere Sprachen kann das Verständnis erleichtern. Die dafür entwickelte Funktion läuft direkt auf dem Smartphone der versicherten Person und lässt sich in die ePA-App integrieren. Die Erklärung entsteht somit dort, wo der Brief bereits liegt.

Der ursprüngliche Brief bleibt als Quelle erhalten. Die verständliche Aufbereitung hilft Versicherten, sich zu orientieren: Was ist passiert? Was steht als Nächstes an? Und welche Fragen möchte ich mit meiner Ärztin oder meinem Arzt besprechen?

Von der Empfehlung zum
passenden Termin

Im genannten Fall steht nun im ausgehändigten Entlassungsbrief, dass in drei Wochen eine orthopädische Kontrolle erfolgen soll. Die Empfehlung ist verstanden, jetzt muss ein Termin gefunden werden.

Hier kann ein angebundener Terminservice direkt anknüpfen. Die App greift die dokumentierte Empfehlung auf und bereitet eine Suche vor, in der das passende Fachgebiet bereits ausgewählt ist. Versicherte sehen verfügbare Termine und können ihre Suche nach Ort, Datum und weiteren Kriterien eingrenzen. Ein Dienst, der Angebote verschiedener Terminplattformen zusammenführt, erweitert dabei die Suchmöglichkeiten.

Das erspart die erneute Suche nach dem richtigen Einstieg: Welches Fachgebiet ist gemeint? Wo suche ich? Welche Praxis kommt infrage? Aus der Empfehlung im Dokument entsteht ein konkreter Weg zur Nachsorge. Einen solchen Service in die ePA-App einzubinden, ist bereits technisch umsetzbar.

Mit vorbereiteten Angaben
ins Arztgespräch

Der Termin ist gebucht. Vor dem Besuch bittet die Praxis darum, einen Anamnesebogen auszufüllen. Gefragt wird nach Beschwerden, Vorerkrankungen und Medikamenten. Vieles davon wurde schon an anderer Stelle angegeben und ist in der ePA dokumentiert.

Der vorgesehene Ablauf nutzt diese Informationen: Die Praxis schickt den Fragebogen als PDF über den TI-Messenger, den Kommunikationsdienst der Telematikinfrastruktur. Eine KI liest den Bogen und füllt die passenden Angaben aus der ePA vor. Fehlende Informationen geht sie im Dialog mit der versicherten Person durch.

So lassen sich aktuelle Beschwerden ergänzen und übernommene Angaben prüfen oder korrigieren. Nach der Durchsicht wird die vervollständigte Anamnese strukturiert an die Praxis übermittelt. Auch Fragen, die Versicherte für das Gespräch gesammelt haben, können mitgeschickt werden.

Für Versicherte entfällt ein Teil des wiederholten Suchens und Abschreibens. Die Praxis erhält vor dem Gespräch eine vorbereitete Übersicht.

Dabei bleibt nachvollziehbar, welche Angaben aus vorhandenen Dokumenten stammen und welche die versicherte Person ergänzt hat. Im Termin lässt sich daran anknüpfen und gezielt nachfragen.

Vorhandene Papierunterlagen
digital nutzbar machen

Ein Teil der persönlichen Gesundheitsgeschichte steckt weiterhin in Papierunterlagen. Im Impfpass etwa sind Einträge über viele Jahre verteilt, teils handschriftlich und mit eingeklebten Etiketten. Diese Informationen einzeln in eine digitale Anwendung zu übertragen, ist aufwendig.

Der elektronische Impfpass steht auf der ePA-Roadmap. Ergänzend lässt sich die Übernahme vorhandener Papierinformationen vereinfachen. Der Ansatz:

  1. Versicherte fotografieren ihren Impfpass
  2. Eine KI liest die Einträge aus und bereitet die Informationen für die Übernahme in die ePA vor. Das abtippen entfällt
  3. Anschließend können Ärzt*innen die übernommenen Angaben prüfen und verifizieren

Damit wird eine Verbindung zwischen vorhandenen Unterlagen und der digitalen Akte geschaffen. Nach einer Verletzung kann die Praxis beispielsweise leichter prüfen, ob ein aktueller Tetanusschutz dokumentiert ist und ob eine Auffrischung erforderlich sein könnte. Die medizinische Einordnung erfolgt auf Grundlage der verifizierten Angaben.

Doppelmedikation erkennen

  1. Nach dem Krankenhausaufenthalt wird ein zusätzliches Schmerzmittel verordnet. In der ePA ist allerdings bereits ein Präparat mit demselben Wirkstoff dokumentiert.Für Versicherte ist diese Überschneidung möglicherweise schwer zu erkennen, etwa wenn die Medikamente unterschiedliche Handelsnamen tragen.
  2. Ein Medikationscheck kann eine solche mögliche Doppelmedikation anzeigen und zur Rücksprache mit dem oder der behandelten Ärzt*in anregen. Dafür ist die Einbindung eines als Medizinprodukt zertifizierten Modells vorgesehen. So lässt sich klären, ob das neue Schmerzmittel das bisherige ersetzen soll oder eine unbeabsichtigte doppelte Einnahme droht. Das kann Übermedikation verhindern und unnötige Arzneimittelausgaben für die Krankenkassen vermeiden.

Voraussetzung ist eine möglichst aktuelle Übersicht der tatsächlich eingenommenen Medikamente. Auch selbst gekaufte Präparate müssen ergänzt und nicht mehr eingenommene Arzneimittel entsprechend gekennzeichnet werden können.

Der nächste Schritt zählt

Die richtige Information im richtigen Format zum richtigen Zeitpunkt: Darin liegt der nächste Entwicklungsschritt der ePA. Die beschriebenen Anwendungen verbinden Gesundheitsinformationen mit konkreter Unterstützung:

Beim Verstehen eines Befunds, beim Organisieren der Nachsorge oder bei der Vorbereitung eines Arztgesprächs. Werden Dokumente außerdem als zusammengehöriger Behandlungsverlauf erschlossen, entsteht Orientierung über einzelne Termine hinaus.

Das kann Gesundheitskompetenz stärken und es Versicherten erleichtern, gemeinsam mit ihren Behandelnden vereinbarte Schritte umzusetzen.

Damit diese Begleitung funktioniert, müssen die einzelnen Anwendungen verlässlich ineinandergreifen. Eine verständliche Erklärung des Entlassungsbriefs hilft besonders dann, wenn die empfohlene Nachsorge direkt organisiert werden kann und relevante Angaben beim anschließenden Praxisbesuch vorliegen. Dafür braucht es gemeinsame Standards und Schnittstellen, über die Daten und Services zusammenspielen. Einzelne Showcases machen den Nutzen greifbar; eine interoperable Gesamtarchitektur schafft die Grundlage, ihn entlang des gesamten Behandlungswegs verfügbar zu machen.

Je nach Anwendung sind dafür noch technische und regulatorische Fragen zu klären. Entscheidend ist der Nutzen im Alltag:

  • Verstehen Versicherte ihren Entlassungsbrief besser?
  • Finden sie leichter zur empfohlenen Nachsorge?
  • Helfen die vorbereiteten Angaben im nächsten Arztgespräch?

An diesen Übergängen wird aus verfügbaren Gesundheitsinformationen eine kontinuierliche Unterstützung.

An den vorgestellten Ansätzen und Showcases haben Benjamin Freudenreich, Katina Sostmann, Lukas Bauer, Philip Niemeyer, Stefany Santos-Greiner und Tobias Niklas Sasse gemeinsam mitgearbeitet. Das Team verbindet Expertise in digitaler Gesundheit, KI, Design, Produktentwicklung und IT-Architektur, um die ePA als praktische Unterstützung für Versicherte weiterzuentwickeln.

Über die Autorin

Nilüfer Caliskan-Keserci ist Senior Partner und Leader Health Insurance bei IBM Consulting. Sie verantwortet das Beratungsgeschäft im deutschen Gesundheitssektor mit Schwerpunkt auf gesetzlichen Krankenkassen und privaten Versicherungen. Seit über 20 Jahren begleitet sie bei IBM digitale Strategien und IT-Transformationen. Ihr Fokus liegt darauf, mit digitalen Gesundheitsservices und neuen Technologien die Versorgung zu verbessern, Prozesse zu vereinfachen und Vertrauen zu stärken.

Nilüfer Caliskan-Keserci
Senior Partner und Leader Health Insurance bei IBM Consulting

Das könnte dich auch interessieren