19/03/2024

Fracht und Logistik 2025: Sechs Schlüsseltrends

Autoren: Tanja Waldeck & Tristan Reckhaus

Die Logistikbranche befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Die COVID-19-Pandemie hat in den vergangenen Jahren die Anfälligkeit globaler Lieferketten offengelegt und deutliche Schwachstellen sichtbar gemacht. Nun steht die Branche vor neuen Herausforderungen: Der Regierungswechsel in den USA, wachsender Protektionismus und drohende Handelskonflikte lassen die Zukunft des internationalen Warenverkehrs zunehmend komplex erscheinen. Gleichzeitig eröffnet dieser Wandel enorme Möglichkeiten für Innovation und Wachstum. Technologie und Digitalisierung spielen dabei eine zentrale Rolle, um flexibler auf Marktveränderungen zu reagieren und neue Potenziale zu erschließen. Mit Blick auf das Jahr 2025 kristallisieren sich sechs zentrale Trends heraus, die maßgeblich bestimmen werden, wie sich die Fracht- und Logistikbranche in den kommenden Jahren weiterentwickelt.

1. Digitalisierung als Treiber für Effizienz und Innovation

Die Logistikbranche erlebt durch den digitalin Wandel eine tiefgreifende Transformation. Künstliche Intelligenz (KI), Automatisierung, das Internet der Dinge (IoT) und fortschrittliche Datenanalye optimieren Prozesse, senken Kosten und verbessern das Kundenerlebnis. Warehouse Management Systeme (WMS) ermöglichen die Echtzeitüberwachung von Waren und Fahrzeugen, während RF-Scanner und Drohnen eine präzisere Bestandsverwaltung gewährleisten.

Cloudbasierte Lösungen wie SAP S/4 HANA wiederum aktualisieren Aufträge und Bestände in Echtzeit, wodurch Fehler reduziert und die Effizienz gesteigert werden. Die Vorteile dieser digitalen Transformation sind vielfältig:

  • Optimierte Routenplanung und -verfolgung beschleunigen die Auftragsabwicklung und steigern die Effizienz.
  • Automatisierung manueller Prozesse reduziert Fehler und erhöht die Produktivität.
  • Erhöhte Transparenz und Zuverlässigkeit in der gesamten Lieferkette steigert die Kundenzufriedenheit.

Besonders hervorzuheben ist der Einsatz von IoT-Technologien. Sensoren an Verpackungen, Paletten und Fahrzeugen liefern wertvolle Echtzeitdaten über Standort, Zustand und Bewegung der Waren. Denn Kund*innen verlangen maximale Transparenz, auch im B2B-Bereich, um ihrerseits effizienter planen und bei Bedarf eingreifen zu können. Ein Beispiel hierfür ist das Container Tracking: Erkennt das System etwa eine defekte Kühlung, kann umgehend eine Ersatzlieferung oder ein Austausch organisiert werden. Dies ermöglicht eine präzisere Planung und Kontrolle der Lieferkette. Allerdings fordert die erfolgreiche Integration digitaler Technologien eine umfassende Strategie. Unternehmen müssen ihre Prozesse neu denken und eine Kultur der kontinuierlichen Innovation etablieren.

 

2. Künstliche Intelligenz als Schlüssel zu personalisierten Logistikprozessen

Durch individuelle und optimierte Lieferprozesse verändert Künstliche Intelligenz die Logistikbranche. Besonders im B2B-Bereich steigt der Druck, maßgeschneiderte Lösungen anzubieten, da Unternehmen maximale Transparenz und planbare Lieferketten erwarten. Ein konkretes Beispiel ist die KI-gestützte Lagerautomatisierung für Just-in-Time-Produktion: Durch vorausschauende Bedarfsanalysen kann KI Engpässe in der Lieferkette frühzeitig erkennen und automatisiert Nachschublieferungen auslösen, wodurch Produktionsstillstände vermieden werden.

Auch eine KI-optimierte Routenplanung für temperaturgeführte Transporte stellt eine entscheidende Verbesserung dar. Algorithmen analysieren in Echtzeit Wetterbedingungen, Verkehrsstaus und Ladedauern, um sicherzustellen, dass verderbliche Waren unter optimalen Bedingungen transportiert werden. So wird verhindert, dass empfindliche Produkte wie Medikamente oder Frischwaren durch unvorhergesehene Verzögerungen beschädigt werden.

Dass die Nutzung von Daten und der Einsatz von KI in diesem Zusammenhang enormes Potential bietet, ist nicht nur in der Logistikbranche offensichtlich. So sagen 72% der globalen Spitzen-CEOs, dass der Wettbewerbsvorteil davon abhängt, wer die fortschrittlichste generative KI besitzt.

 

3. Quantencomputing und AR/VR transformieren die Logistik

Durch innovative Entwicklungen in Quantencomputing sowie Augmented und Virtual Reality (AR/VR) wird die Logistikbranche grundlegend verändert, insbesondere in den Bereichen Effizienzsteigerung und Prozessverbesserung. Quantencomputer ermöglichen hochkomplexe Berechnungen in Sekundenschnelle, was die Routenoptimierung grundlegend verändert. Ein Beispiel für den Nutzen dieser Technologie ist die Lösung des “Traveling Salesman Problems” (TSP), bei dem es darum geht, die kürzeste Route für eine reisende Person zu berechnen, die eine Vielzahl von Zielorten besuchen muss. Durch Quantencomputer können solche komplexen Berechnungen schneller und genauer durchgeführt werden, wobei Faktoren wie Verkehr, Wetterbedinungen und Zeitfenster berücksichtigt werden – insbesondere bei der Planung von Last-Mile-Transporten durch Drohnen.

AR-Systeme wiederum unterstützen Mitarbeiter*innen bei der Kommissionierung, indem sie Echtzeitinformationen zu Produkten und optimale Lagerrouten bereitstellen. In der Intralogistik erhöhren AR-Brillen die Produktivität und Sicherheit, etwa bei Staplerfahrer*innen. Diese Technologien versprechen nicht nur Effizienzsteigerungen, sondern eröffnen auch neue Geschäftsmöglichkeiten. Dabei können Unternehmen bereits jetzt über Plattformangebote auf die Quantencomputer-Technologie zugreifen und die Möglichkeiten ausprobieren. Unternehmen, die frühzeitig investieren, können sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen.

 

4. Anpassungsfähigkeit an regulatorische Veränderungen

Die sich ständig ändernde Gesetzeslandschaft, insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit und Sicherheit, erfordert von Logistikunternehmen höchste Flexibilität. So machen das Corporate Sustainability Reporting Directive und das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz umfassende Transparenz und Berichterstattung notwendig. Gleichzeitig drängen Vorschriften zu nachhaltigen Flugkraftstoffen und Kreislaufwirtschaft zu innovativen Lösungen. Erfolgreiche Unternehmen antizipieren diese regulatorischen Änderungen frühzeitig und passen ihre Geschäftsmodelle proaktiv an. Dazu gehören Investitionen in Technologien zur Emissionserfassung, die Entwicklung von Kreislaufwirtschaftskonzepten und die Optimierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Neben gesetzlichen Vorgaben haben 2025 die geopolitischen Entwicklungen (z.B. Konflikte in der Ukraine und Israel) in Form von gestörten Lieferketten, Luft/Seeraumsperrungen, Fachkräftemangel und höheren Energiepreisen erhebliche Auswirkungen auf die Logistikketten. Die aktuellen Zolldekrete von US-Präsident Trump und ggf. Reaktionen der EU, Kanada und anderer Länder könnten ebenfalls zu neuen Handels- und Zollvorschriften und Verschiebungen in den Handelsrouten führen. Die Logistikbranche muss sich hier anpassen, um reibungslose Grenzübertritte und Lieferketten zu gewährleisten.

 

5. Workforce-Entwicklung: der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit

In einer zunehmend technologiegetriebenen Branche ist die Entwicklung der Belegschaft von entscheidender Bedeutung, um das notwendige Know-how zu sichern und die Innovationskraft der Unternehmen zu stärken. Studien zeigen, dass bis 2030 etwa 35% der Aufgaben in der Logistik von Maschinen übernommen werden. Dies führt zu einem tiefgreifenden Wandel der Jobprofile und Anforderungen an die Mitarbeiter*innen. Zentrale Aspekte der Workforce-Entwicklung in der Logistik sind:

  1. IT-Kompetenzen: Softwareanwender*innen und Datenanalyst*innen werden immer wichtiger.
  2. Weiterbildung: Fokus auf gering qualifizierte Mitarbeiter*innen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
  3. Praxisorientierte Ausbildungen: Schwerpunkte auf Data Mining, Change-Management und Prozessverständnis.
  4. Generationenübergreifender Ansatz: Ältere und jüngere Mitarbeiter*innen müssen in den Transformationsprozess einbezogen werden.
  5. Talent Management: Effektive Strategien zur Gewinnung und Bindung von Fachkräften sind entscheidend.

 

6. Nachhaltigkeit in der Logistik: Ökologische Verantwortung als Wettbewerbsfaktor

“Grüne Logistik” erweitert den traditionellen Logistikbegriff um den ökologischen Aspekt und strebt eine Balance zwischen ökonomischer Effizienz und ökologischer Verantwortung an. Damit entwickelt sich Nachhaltigkeit zu einem zentralen Wertschöpfungsfaktor in der Logistikbranche. Mehr als die Hälfte der Unternehmen plant die Umstellung auf alternative Antriebstechnologien, wobei Wasserstoff- und Elektromobilität als besonders vielversprechend gelten. Die CO2-Reduktion erfolgt durch optimierte Transportabwicklung, umweltschonende Fahrzeuge und Fahrertrainings, die bis zu 20% Emissionen einsparen können. Zudem gewinnen energieeffiziente Lagertechnologien an Bedeutung. So zeigt bzw. Das Rhenus-Lagerhaus mit 13.000 Solarmodulen, wie CO2-neutrale Energieversorgung in der Praxis umgesetzt werden kann.

Die Reduzierung von Verpackungsmaterial, der Einsatz umweltfreundlicher Materialien sowie Recycling-Konzepte ergänzen diese Bemühungen. Diese Initiativen verbessern nicht nur die Unternehmenseffizienz, sondern positionieren Logistikunternehmen als verantwortungsvolle Akteure in einem zunehmend umweltbewussten Markt und schaffen einen positive Effekt auf die Unternehmenskultur. Die meisten großen Logistikunternehmen, wie z.B. DHL beziehen auch öffentlich Stellung und teilen ihre Ziele mit.

 

Fazit: Technologie als Motor für Wandel und Fortschritt

Die Logistikbranche erlebt derzeit eine tiefgreifende Transformation. Unternehmen, die digitale Innovationen gezielt in ihre Strategien einbinden, werden im Jahr 2025 bestens gerüstet sein, um bestehende Herausforderungen zu bewältigen und neue Wachstumschancen zu erschließen. Insbesondere in Europa gewinnt der Ausbau nachhaltiger, automatisierter und flexibler Lieferketten zunehmend an Bedeutung. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz, dem IoT, AR und VR sowie Quantencomputing lassen sich nicht nur Effizienzsteigerungen realisieren, sondern auch zukunftsweisende Geschäftsmodelle entwickeln. Der entscheidende Erfolgsfaktor wird die Fähigkeit sein, dynamisch auf Marktveränderungen zu reagieren und gleichzeitig innovative Lösungen voranzutreiben. Dadurch werden sowohl die Customer Experience als auch die Employee Experience langfristig optimiert.

Triff die Experten!

Tanja Waldeck
IBM iX Leader DACH
Tristan Reckhaus
Executive Partner/Account Director – IBM iX

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